Schriftliche Anfrage zur Auswirkung der traditionellen Geschlechterordnung auf Social-Media-Phänomene an Dr. Katja Kauer
Wissenschaftlerin an der Universität Tübingen am Zentrum für Gender- und Diversitätsforschung (schriftliche Beantwortung der Fragen von Trasherchiert am 17.7.2026):
Fragen: Ist es richtig, dass viele Frauen von Männern bestätigt werden wollen? Und wenn ja, woher kommt das - historisch und gesellschaftlich? Gibt es dazu Studien, auf die Sie verweisen können?
Antwort Kauer: Die Geschlechterordnung des 18. Jahrhunderts, von der wir bis heute geprägt sind, hat Männer als Subjekte konstruiert, während Frauen als Objekte galten, die sich an Männer anpassen mussten. Historisch zeigt sich dies beispielhaft daran, dass ein „Fräulein“ erst durch den Mann bzw. den sexuellen Verkehr mit ihm zur Frau wurde. Diese soziale Ordnung verankerte eine ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern, die tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt ist.
Ende der 1940er Jahre kritisierte die Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ die Immanenz der Rolle der Frau und legte damit den Grundstein für die zweite Welle der Frauenbewegung. De Beauvoir zeigte auf, dass Frauen nicht von Natur aus dazu bestimmt seien, nur das „Andere“ zu sein, sondern als autonome Subjekte anerkannt werden müssten.
In meinem Werk „Feministisch lesen“ (Kauer, 2024) argumentiere ich, dass Frauen zwar gesellschaftlich zunehmend unabhängig von Männern agieren und ihren eigenen Weg gehen, die patriarchale Konditionierung jedoch als ein Mechanismus bestehen bleibt, der sich ins Innere der Geschlechtssozialisation verschoben hat. Diese innere Prägung führt dazu, dass auch erwachsene Frauen weiterhin von männlicher Validierung abhängig sind.
Dieser Mechanismus tritt nicht mehr primär im gesellschaftlichen Feld zutage, sondern manifestiert sich vielmehr im sexuellen Spiel. Hier sind Frauen weiterhin dem sogenannten Male Gaze – also der männlich-heteronormativen Blickökonomie – ausgesetzt. Der Begriff des Male Gaze wurde von der Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey geprägt und beschreibt, wie visuelle Medien Frauen häufig aus einer männlichen Perspektive darstellen, die ihre Subjektivität reduziert und sie zum Objekt macht. Auch in „Feministisch lesen“ wird diese Beobachtung vertieft und die Bedeutung des Male Gaze für die gegenwärtige Geschlechterordnung analysiert.
Es lässt sich feststellen, dass die traditionelle Geschlechterordnung zwar gesellschaftlich herausgefordert und verändert wurde, ihre tiefen Strukturen und Wirkmechanismen jedoch weiterhin wirksam bleiben – insbesondere auf der Ebene visueller Wahrnehmung und heterosozialer Beziehungen. Das Verständnis dieser Verschiebung ist zentral, um die Persistenz patriarchaler Muster auch in modernen Gesellschaften zu erkennen und kritisch zu reflektieren. Darum verweise ich auf „Feministsich lesen“, wo diese versteckten Meachnismen zu Thema werden.
Fragen: Wieso werden Frauen regelmäßig kategorisiert/ in Schubladen gesteckt? (Pick Me Girls, Girls Girl, Soft Girl, Girl Boss, ...) Was für eine wissenschaftliche Erklärung gibt es dazu? Ist das ein reines Social Media Phänomen?
Antwort Kauer: Ausgehend von dem zuvor dargestellten Befund lässt sich erkennen, dass Objekte in der gesellschaftlichen Wahrnehmung häufiger kategorisiert werden als Subjekte. Eine rein feministische Erklärung wäre jedoch zu kurz gegriffen, da sie möglicherweise wichtige Aspekte wie die Strategien des Kapitalismus und die Vermarktung von Identitäten unberücksichtigt lassen würde – Phänomene, die sämtliche Geschlechter gleichermaßen betreffen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Frauen auf Social-Media-Plattformen verstärkt zu Selbstzuschreibungen neigen. Dies könnte darauf hindeuten, dass eine internalisierte Struktur der Selbstobjektifizierung vorliegt. Um diese Hypothese zu untermauern, bedarf es einer breiteren und vertieften Erforschung, die sowohl geschlechtsspezifische als auch ökonomische und mediale Dimensionen berücksichtigt.
Fragen: Wie ordnen Sie ein, dass auf Social Media einige Frauen öffentlich kundtun, #boysober zu sein und nicht mehr mit heterosexuellen Männern Beziehungen eingehen zu wollen. Steckt da eine wahre Entwicklung dahinter oder geht es da um einen Trend auf Social Media, und in echt wollen doch alle Hetero-Frauen einen Mann?
Antwort Kauer: Der Begriff des Post-Queeren, den ich gerade versuche im deutschen Bereich zu etablieren, lässt sich als eine weiterführende Auseinandersetzung mit queeren Lebensweisen und Identitäten verstehen, die über die traditionellen Formen der Heteronormativitätskritik hinausgeht. In diesem Kontext ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle queeren Phänomene per se kritisch gegenüber heteronormativen Strukturen agieren. Vielmehr zeigt sich gerade in der ästhetischen und kommerziellen Verwertung queerer Identitäten häufig eine Integration in das bestehende System, die eher affirmativ als subversiv wirkt. Ein exemplarisches Beispiel hierfür ist das Ausstellen lebischen Begehrens, wie es etwa bei Ikkimel beobachtet werden kann, die damit aber bewusst spielt. Obwohl hier ein queeres, also nicht heterosexuellen Begehren sichtbar gemacht wird, bleibt diese Darstellung oft innerhalb der Logik des Systems und erfüllt somit nicht zwangsläufig eine systemkritische Funktion. Im Gegensatz dazu stehen feministische Praxen der 1970er Jahre, in denen die Abwesenheit des heterosexuellen Begehrens noch klar als subversive Geste und bewusste Ablehnung hegemonialer Normen verstanden wurde. Die Herausforderung besteht demnach darin, den Übergang von einer feministischen Praxis hin zu einer post-queeren Strategie präzise zu bestimmen. Dies erfordert eine differenzierte Betrachtung bestimmter Faktoren, die in „Queer lesen“ ( Kauer 2019) als Möglichkeiten der Heteronormativitätskritik herausgearbeitet wurden. Dazu zählen unter anderem die Intention hinter der Darstellung, die Verortung im gesellschaftlichen Diskurs sowie die ästhetische Umsetzung. Nur durch eine solche Analyse lässt sich erkennen, ob eine queere Praxis tatsächlich systemkritisch agiert oder vielmehr Teil eines post-queeren Umgangs mit Heteronormativität ist, der die Kritik in ästhetische oder kommerzielle Strategien transformiert. Das zu entscheiden, ist jeweils nur konkret zu bewerkstelligen.
